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Laudatio von Jutta Harms an die Preisträgerin Anna Haifisch

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie schön, dass Sie alle gekommen sind, um die Verleihung des e.o.plauen-Förderpreises an Anna Haifisch zu feiern!

Liebe Jurymitglieder,

Ich freue mich sehr darüber, dass Sie Anna Haifisch mit diesem Preis ausgezeichnet haben!

Gar keine Frage - Anna H hat diese Auszeichnung vollauf verdient. Und ich bin sicher, dass auch e.o.plauen damit einverstanden wäre. Es ist mir eine Ehre und eine Freude, darüber zu sprechen, warum das so ist.

Liebe Anna,

ich weiß, du bist keine Angeberin und auch keine Freundin der gedrechselten Rede. Ich werde gleich dennoch allerhand Positives über Dich und Deine Arbeit sagen müssen. Ich versuch's so unverschwurbelt wie möglich zu halten.

Anna Haifisch habe ich kennengelernt, als ich im Winter 2010 für den Comicverlag Reprodukt die Veranstaltung zum 20jährigen Verlagsjubiläum an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig geplant habe. Thomas Mattheus Müller, Prof für Illustration an der HGB, rief zu unserer Besprechung Anna dazu, aus einer Schneeballschlacht heraus.

Anna Haifisch hörte sich an, was wir uns überlegt hatten - Gespräch in der Illu-Klasse darüber, wie man 20 Jahre lang als unabhängiger Verlag Comics macht - sicherte uns ihre und die Unterstützung der Illu-Klasse zu und verschwand wieder. Ich glaube, ihr knapper Kommentar lautete: "Cool, machen wir was Schönes."

Der Abend mit der Illu-Klasse wurde dann tatsächlich eines der schönsten Geburtstagsfeste, das man sich als Verlag nur wünschen kann, einschließlich des Siebdruckplakats, das Anna Haifisch eigens für uns gemacht hatte, mit lauter Dinosauriern drauf …

Anna hat den Verlauf des Abends unbestechlich dokumentiert:
//Seite aus Kreuzer// (Bild aus Präsentation)
Wie Sie sehen, sind uns allen Schnäbel und Federn verliehen worden - eine große Ehre.

Ich stellte damals fest: Anna ist eine Aktivistin - und das zeigt sich an vielen Stationen ihrer Biografie.

Als sie während ihres Studium an der HGB das Gefühl hatte, dass ihr etwas fehlt und sie dort nicht weiter kommt, hat sie für sich mit großer Entschiedenheit einen längeren Aufenthalt in den USA organisiert. Neue Impulse taten not, und anstatt darüber zu klagen, dass es diese an der HGB nicht gab, nahm sie die Sache in die Hand. In Brooklyn arbeitete AH als Siebdruckerin und traf James Turek, mit dem sie seitdem bei vielen Projekten gemeinsame Sache macht. Ihr Interesse am Comiczeichnen wurde in dieser Zeit in Brooklyn bestärkt - zum Glück!

Anna ist insgesamt mehr fürs Machen als fürs Jammern. Das zeigt sich auch in der Gründung des Millionaires Club

Anna hat zusammen mit Freunden, ebenfalls Absolventen der HGB, ein eigenes Festival organisiert. Dieses heißt "The Millionaires Club Leipzig" und findet parallel zur Buchmesse statt.

Bei den Millionaires gibt es Ausstellungen, Workshops, Lesungen sowie eine Messe für unabhängige Verlage und Künstler-Kollektive. Die Teilnehmer reisen eigens dafür aus Frankreich und Finnland an, und es gibt Dinge zu sehen, die man durchaus nicht später in jeder Buchhandlung vorfinden wird. Ich mag dieses wunderbare Festival sehr, auch den Namen, der zum einen selbstbewusst von künstlerischem Reichtum spricht - und gleichzeitig auf die finanziell oft prekäre Lage der Aktivisten und Künstler verweist.

Auch was das Veröffentlichen ihrer eigenen Comics angeht, hat AH nicht abgewartet, bis ein Verlag das Potenzial ihrer Arbeiten erkennt. Mittlerweile erscheinen zwar allein in Deutschland ihre Arbeiten bei gleich zwei Verlagen, nämlich bei Rotopol Press und bei Reprodukt, dazu kommen französische und englische Ausgaben ihrer aktuellen Comics.

Vorher aber hat Haifisch in bester Comictradition ihre Geschichten selbst herausgebracht, wie die Geschichten von "Gilbert", einem Ganter, auf den ich noch zu sprechen kommen werde.

Außerdem hat sie zusammen mit James Turek den Selbstverlag Tiny Masters gegründet. Die beiden bringen darin tolle Mini-Comics heraus, eigene und die von Kollegen.

Hinzu kommen immer wieder allerschönste Siebdrucke, freie Motive sowie Seiten aus den Comics, an denen AH gerade arbeitet, dazu Hefte und Postereditionen.

Die Produktivität von AH ist jedenfalls beeindruckend, und wenn Sie sich davon selbst überzeugen möchten, empfehle ich ihre Website Dort finden Sie Arbeiten aus all den verschiedenen Bereichen dokumentiert, in denen Anna aktiv ist.

Auch im Netz agiert AH nach dem Motto "Mehr ist mehr". Sie ist neben ihrer Website auf facebook und Twitter aktiv und gut vernetzt. Und Sie können mir glauben, dass die Pflege all dieser online Plattformen richtig viel Arbeit macht. AH hat aber auf der ganzen Welt Fans, die sich genau wie ich darüber freuen, wenn es etwas Neues vom Haifisch zu sehen gibt.

Dann reist sie noch zu verschiedenen Festivals, wird vom Goethe-Institut zu Workshops verschickt, nach Finnland und Indonesien beispielsweise. Sie verbringt viel Zeit in Wien, wo sie unlängst eine eigene Ausstellung hatte.

Diese ganzen vielfältigen Aktivitäten - und ich habe noch nicht alle erwähnt - machen AH aus - als Person und als Künstlerin, diese gut vernetzte und viel reisende Impulsgeberin...

Vielleicht fragen Sie mittlerweile, wann ich wohl auf endlich auf ihre Comics zu sprechen komme.

Also gut, ich habe mich ein bisschen davor gedrückt, aber jetzt muss es doch raus:

Ich habe Anna nämlich viel zu verdanken. Sie selbst und ihre Arbeiten haben mich daran erinnert, wie lustig Comics sein können, wie viel Freiheit in Comics möglich ist. Das hatte ich nach meinen damals rund 20 Jahren im Comic-Geschäft etwas aus den Augen verloren. Und zwar wortwörtlich.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch - ich mag die Comics, die bei den Verlagen erscheinen, für die ich arbeite. Nur war doch eine gewisse Routine eingetreten, und der Erfolg der literarischen Comics, der sogenannten Graphic Novels, hatte dazu geführt, dass wir es vor allem mit überaus ernsthaften, manchmal auch sehr schweren Stoffen zu tun bekamen, wenn junge Zeichnerinnen und Zeichner uns ihre Mappen zeigten.

Und jetzt das! Sprechende Tiere vom allerfeinsten!

Damit Sie nachvollziehen können, was mich so begeistert, möchte ich Ihnen nun ein paar der Freunde vorstellen, die Anna Haifischs Comicwelten bevölkern:

- Da hätten wir z B rebellische Echsen und tyrannische Vögel in "Destroy all Lizardmen", einer Koproduktion mit James Turek.

- Und hier sind die Buddies, eine Katze und ein Hund, beste Freunde und wilde Gesellen, die wüst feiernd, als gäbe es kein Morgen, durch ihre dystopische Welt surfen, jederzeit bereit, die spießigen Erdnüsschen zu foppen, die solche Spaßverderber sind. Die Buddies waren die Protagonisten von Annas Diplomarbeit. Es gibt kurze - sehr lustige Trickfilme und Hefte mit ihren Abenteuern. Sie haben sogar eine eigene Homepage. Zudem tauchen die beiden auch einfach in anderen Comicgeschichten auf, die sie mal mehr, mal weniger durcheinander bringen.

- Wie zum Beispiel jetzt gerade die Welt von Gilbert. Sie erinnern sich, der Ganter, auf den ich nun wirklich zu sprechen komme. Gilbert gibt es schon sehr lange, seit 2007 mindestens und bis heute erscheinen seine Strips im Leipziger Stadtmagazin Kreuzer, in denen sich nun aktuell auch die Buddies tummeln.

Zwischen dem ersten selbst verlegten Gilbert-Heft und der Nummer zwei ist etwas Wichtiges passiert. Anna Haifisch hatte ihr Pseudonym gewählt. Auf dem ersten Gilbert-Heft steht noch der Taufname vom Haifisch - aber den zeige ich jetzt nicht noch einmal.

Stellvertretend für viele Beiträge in internationalen sowie deutschen Magazinen und Anthologien zeige ich Ihnen hier AHs Beitrag zum Orang 10, vor allem wegen ihrer besonderen Erzähl-Idee. Anna hat für diese Story aus Gitarren lebendige Wesen gemacht.

Hierin begeben sich zwei junge Heavy-Metal-Freaks in die Aufzuchtstation für Fender-Gitarren. Dort ist es angemessen gruselig, wobei ich die Baby-Fenders auch ganz rührend finde. Die beiden Jungs werden aber von der Chefin der Aufzuchtstation, "Fender-Mom", als noch nicht reif genug erachtet, die Verantwortung für so ein delikates Gitarrenwesen zu übernehmen. Was für eine tolle Idee!

Jetzt aber komme ich zu "Von Spatz", Annas Master-Arbeit, einem der besten Comics des letzten Jahres:

Der "Pavillon der Visionäre" ist eine Reha-Klinik, in der sich überarbeitete oder überspannte Künstler nach ihren Nervenzusammenbrüchen erholen können, unter psychologischer Betreuung durch Margarete von Spatz'. Hierhin bringt Lilian Bonds mit schwersten Symptomen der Erschöpfung und Verwirrung ihren Mann, Walt Disney. Der trifft dort auf Tomi Ungerer und Saul Steinberg, mit denen gemeinsam er nun an Gruppensitzungen und Ergotherapie teilnimmt.

AH erzählt in kurzen Episoden, die sich zu einer gesamten Erzählung fügen, davon, wie die drei Künstler an ihrer Genesung arbeiten, von Fortschritten und Rückschlägen.

Das Von SP Rehab-Center ist ein wunderbarer Ort für die erholungsbedürftigen Künstler:

Es gibt neben Pool und Pinguinen auch ein Fachgeschäft für Künstlerbedarf, eine Galerie und jeder Klient verfügt über ein schönes Atelier.

Die erschöpften Künstler sollen selbst in der Reha produzieren und ausstellen - ein vollständiger Heilungsprozess ist für AH ohne künstlerische Arbeit also offenbar nicht vorstellbar.

Walt Disney ist einer der einflussreichsten Unternehmer des 20. Jhdts, nicht unumstritten - und der Vater einer weltberühmten Maus. Er hat mit seinen Schöpfungen und Geschöpfen die Comicwelt geprägt wie kaum ein anderer.

AH konfrontiert Disney hier mit SS und Tomi Ungerer, die beide Vorbilder für AH sein könnten. Sie ist in ihrer Vielseitigkeit ebenso wenig aufs Zeichnen beschränkt wie diese beiden.

Auch Walt Disney bekommt empfohlen, sich anderen Ausdrucksformen zu zuwenden, als er sich in einer Therapiesitzung beklagt, dass seine Comics Mist seien und Zeichnen so viel Arbeit mache...

Am Ende steht die Entlassung WDs. In seinen Studios ist inzwischen das reine Chaos ausgebrochen und nun ist Disney an der Reihe, einen seiner Kollegen in den "Pavillon der Visionäre" zu bringen, an diesen traumhaften Ort, den Anna sich und allen Künstlern der Welt geschenkt hat.

Ich lese "Von Spatz" als vielschichtige Erzählung - unter anderem als Hommage an die drei Künstler in den Hauptrollen, liebevoll und dabei sehr selbstbewusst, in der Aneignung und Fiktionalisierung ihrer Leben.

AH weiß sehr viel über ihre realen Vorbilder, und ohne dass sie uns beim Lesen ihr Wissen ständig unter die Nase reibt, steckt VSpatz voller Anspielungen und Zitate - die man aber nicht unbedingt entschlüsseln muss, um Spaß an der Lektüre zu haben. Ein toller Comic!

Vom krisengeplagten Künstlerwesen erzählt auch "The Artist" - ein wöchentlicher online Comic im Internet bei vice.com, eigens dafür in englischer Sprache geschrieben. Gerade läuft die zweite Staffel. Ich freue mich jede Woche darauf!

Mittlerweile gibt es die gesammelten Comics der ersten Staffel gedruckt als Album, vom Haifisch selbst zurück übersetzt ins Deutsche.

Immer wieder erzählt AH vom Künstlerdasein... Hat das mit ihr selbst zu tun? Ist sie womöglich gar selbst "The artist"? Sie wird das immer wieder gefragt, liegt ja auch nahe.

Anna Haifisch selbst hat in einem Interview dazu gesagt:

"Der Artist ist schwächlich, hat einen Hang zum Größenwahn und neigt zur Verweigerung - genau wie ich. Der Artist sieht mir ziemlich ähnlich. Ich habe allerdings mehr als vier Haare."
Liebe Anna, ich finde überhaupt nicht, dass Du schwächlich bist, auch bei den anderen Zuschreibungen würde ich nicht unbedingt zustimmen, aber das weißt Du selbst am besten.

Ich sehe aber schon, dass die Figur des Artist mit Dir zu tun hat. Womöglich - flüchtest Du z.B häufiger, als Dir lieb ist, vor einem Abgabetermin unter die Bettdecke.

Abgesehen vom Verbummeln von deadlines veranstaltet der Artist einiges, das AH vermutlich so nicht passieren würde, wie etwa in dieser Episode, als er seine Karriere im Moment einer großen Chance mittels einer ungeschickt eingesetzten Drohne binnen Sekunden nachhaltig ruiniert.

The Artist wird als Künstler geboren, und er weiß schon als Kind, dass er Kunst machen will, ja, dass er gar keine andere Wahl hat. Das muss auch e.o.plauen so ergangen sein. Er hat - gegen den Willen seiner Familie - an derselben Schule wie AH studiert, die damals noch Staatliche Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig hieß.

Liebevoll nimmt AH sich der Zumutungen, Peinlichkeiten, Ängste der Künstlerexistenz an und macht Comics daraus, über die man lachen kann, die einen aber auch anrühren. Denn sie wird sie nie sarkastisch oder verächtlich, sie verrät ihre Figuren nicht für einen billigen Witz. Dazu steckt dann doch zu viel vom Haifisch selbst in ihnen.

Jedenfalls - wer über Künstler denkt, dass diese ein lustiges Leben haben, nach dem Motto "Die machen doch nur, wozu sie Lust haben und wollen dafür auch noch bezahlt werden ..." - der wird durch die Lektüre von "The Artist" gründlich eines Besseren belehrt.

Ich bin aber nicht nur von dem, was Anna erzählt, sondern ebenso sehr davon wie sie es erzählt, begeistert - also von ihren Zeichnungen.

Ihre Tierfiguren wirken fragil, sind dabei aber einigermaßen robust, Das müssen sie auch sein, weil AH ihnen allerhand zumutet, wie sie da manchmal so vollkommen vom Leben zerschmettert am Boden landen.

Mit sparsamer und dabei äußerst präziser Linienführung verleiht AH ihren sprechenden Tieren eine enorme Palette an Ausdrucksmöglichkeiten. Ich empfehle Ihnen, wenn Sie sich gleich die Ausstellung anschauen: Achten Sie auch auf den Strich, und lassen Sie sich nicht davon täuschen, dass er so locker hingeworfen aussieht. Das kann nicht jeder. Das kann nur ein zartfühlendes Raubein - eine wie AH...

Liebe Anna,

Ich freue mich auf Deine zukünftigen Arbeiten - ob Du nun weiterhin Comics machst, oder Dich stärker der Bildenden Kunst zuwendest. Oder hoffen wir darauf, dass du weiterhin beides und noch vieles mehr unter einen Hut kriegst.

Ich gratuliere Dir herzlich zum e.o.plauen-Förderpreis!

Jutta Harms, Plauen, 16. September 2016

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