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Jüdische Geschichte

Ersterwähnung von Juden in Plauen

Nach mittelalterlichem Rechtsverständnis standen die Juden im Deutschen Reich als minderberechtigte Kammerknechte gegen Zahlung von Schutzgeldern unter der Obhut des Reiches bzw. des Landesherrn. Jedoch bei den überwiegend durch wirtschaftliche und religiöse Schuldzuweisungen ausgelösten Pogromen blieben sie ohne die erhoffte Hilfe.

Die Politik im Vogtland war im Mittelalter von der Stauferdynastie (1138-1254) geprägt. Es liegt die Vermutung nahe, dass bereits um 1200 auch die Reichsministerialen (Vögte) Juden zur Regelung von Geldgeschäften heranzogen.

Die Anwesenheit von Juden in der Stadt Plauen ist erstmals durch einen Ehekontrakt aus dem Jahr 1308 belegt (vgl.Germania judaica, Tübingen 1968, Bd.II/2, S. 656/657). Von 1248 bis 1373 standen die Stadt Hof und das Regnitzland unter der Verwaltung der Weidaer Vögte. Mit der Goldenen Bulle Ludwig des Bayern vom 29. Juni 1329 erhielten die Vögte die Bestätigung der kaiserlichen Anerkennung aller Rechte, Regalien und Lehen. Damit bot sich die Möglichkeit sich des Judenregals auch ohne ausdrückliche Nennung bei der Ausübung der Landeshoheit zu bedienen.

Geschichte des Judenzins

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Mandat vom 16. August 1746

Aus dem Jahr 1351 stammt ein Geleitbrief von Vogt Heinrich dem Jüngeren von Weida (XII.), damals Landrichter von Eger, für einen in der Stadt ansässigen Juden, in dem auch der Mayr von Plawen erwähnt wird. Ob sich der Mayr von Plauen, der Baroch und der Veyfel, des Mayrs Sohn von Werdau im Jahr 1351 überhaupt in Plauen und Werdau niederließen, lässt sich aus den überlieferten Quellen nicht ableiten.

1361 nahm Kaiser Karl IV., König von Böhmen, Oberlehnsherr der 1327 der Krone Böhmens zu Lehen aufgetragenen Herrschaft Plauen, die Juden zu Plauen in seinen und des Reiches Schutz und sicherte allen den juden und cristen, dy in der stat zu Plawen gesessen und wonhaff sind oder werden alle Rechte und Freiheiten zu, die alle anderen Juden im Königreich Böhmen schon besaßen.

Diese Festlegungen fanden auch in den Statuten der Stadt Plauen ihren Niederschlag. Im Stadtbuch von Plauen aus dem Jahr 1388 befindet sich zudem die Abschrift eines Schöffenspruches des Bürgermeisters und des Rates der Stadt Weida an den Rat zu Plauen aus der Zeit 1384 bis 1390 in einer Streitsache zwischen dem Plauener Bürger Rudolf von Meldinge und dem Juden Vigdor.

Für beide galten die gleichen Rechtsbestimmungen. Als 1373 der Burggraf von Nürnberg Friedrich V. die Herrschaft Hof erhielt, war er bereits ein Jahr zuvor von Kaiser Karl IV. mit dem Recht des Judenschutzes beliehen worden.

Friedrich V. förderte aus Steuergründen bewusst die Zuwanderung und Niederlassung von Juden in seinem Herrschaftsgebiet. Er gewährte den Juden, die sich unter seinen Schutz begaben, weitgehende Vorrechte und ließ sich diese entsprechend bezahlen. Unter den Juden, die sich unter den Schutz des Burggrafen stellten, befand sich auch ein Mayer aus Plauen, der 1374 mit seiner Frau, seinen Kindern und dem Gesinde von Plauen nach Hof übersiedelte. Die Ausgabelisten der Stadt Eger führen für das Jahr 1402 den Beauftragten, den Juden Mayer aus Plauen, an den der Egerer Rat für Heinrich IX., Herrn zu Plauen, 30 Gulden zahlen musste. Für die Zeit von 1427 bis 1449 führen die Listen den Juden Lazarus und 1468 den Plauener Juden Michel Meyner.

Mit der Zunahme der Schuldzuweisungen kam es seit Mitte des 15. Jahrhunderts in Sachsen zu erneuten Verfolgungen.

1466 erhielten die Wettiner die Herrschaft Plauen. Das Amt wurde kursächsisch. Nach den Rechnungsbüchern des Amtes Plauen wurde 1470/71 bis 1473/74 ein "Judenzins" in Höhe von 6 Schock Groschen und 20 Groschen erhoben, der ab 1474/75 fast jährlich anstieg.

Nach 1485 wurden die Zahlungen des Judenzinses im Amt Plauen eingestellt. Es liegt die Vermutung nahe, dass die hier ansässigen Juden durch die jährliche Erhöhung des Zinses, die auch als Fluchtsteuer bezeichnet wird, das Amt Plauen verließen. Judenpogrome in Plauen bzw. gewaltsame Vertreibungen aus der Stadt im 15. Jahrhundert sind nicht bekannt.

Von 1536 bis 1539 verbot der sächsische Kurfürst die Niederlassung von Juden in seinem Herrschaftsgebiet. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war ihnen in Sachsen nur die Niederlassung in Dresden und Leipzig gestattet. Mit speziellen Schutzbriefen waren jedoch befristete Aufenthalte auch in anderen Städten möglich.

Geschichte des Judengässchen

Bis zum 12. März 1813 trug in Plauen die Nobelstraße den Namen „Judengasse“. Jedoch wohnten in dem Stadtviertel, zwischen dem Straßberger Tor und dem Neundorfer Tor hinter der Stadtmauer gelegen, bis zum Ende des 15. Jahrhunderts nicht nur Juden. Aus den Jahren 1388 sind der Bürger Nickel Zoberszer als gesezzen an den judengaszen und von 1457 bis 1473 der Bürgermeister Friedrich Weiß in der Judengasse bekannt. Andererseits lässt sich nachweisen, dass Juden auch außerhalb der Judengasse ansässig waren. Das Erbbuch des Amtes Plauen vermerkt um 1520 den Bürger Jobst Ilgener als Besitzer eines Hauses zwischen der Straßberger Straße, dem Markt, der Kirchgasse und St. Johanniskirche in dem ehemals die juden dorinnen gewohnt.

In Plauen existierte keine gettoähnliche Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung. Im Jahre 1412 wird im Stadtbuch von Plauen erstmals der Name Judengarten, im Erbbuch von 1520 als Judenacker und im Totenbuch der Kirche 1731 als Jüdenhof bezeichnet, genannt.Ob sich an dieser Stelle im Mittelalter ein jüdischer Friedhof befand, kann nach den bisherigen Forschungsergebnissen nicht bestätigt werden. Die jüdische Bevölkerung verfügte jedoch über Grundbesitz, deshalb kann die Anlage eines Friedhofes nicht völlig ausgeschlossen werden.

Auch die überlieferten Stadtpläne von Plauen aus dem 19. Jahrhundert verweisen mit ihren Ortsangaben Jüdengarten und Judengäßchen auf die Ansiedlung und den Grundbesitz der jüdischen Bevölkerung.

Freizügigkeitsgesetz und Gründung der Israelitischen Religionsgemeinde Plauen

Nach dem Erlass des Freizügigkeitsgesetzes für Sachsen im Jahr 1867, ließen sich mit der Aufhebung der Wohnsitzbeschränkungen auch in Plauen wieder Juden nieder. Nach Inkrafttreten des Gesetzes vom 1. Dezember 1870, das die Bildung von jüdischen Religionsgemeinschaften erlaubte, schlossen sich fünfzehn Familien 1884 zur Israelitischen Religionsgemeinde Plauen zusammen, die 1899 den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts erhielt. In den Vorstand wurden Julius Mainzer, Meyer Hammel und Moritz Meseritz gewählt. Die Gottesdienste fanden zunächst in Wohnungen, später in angemieteten Räumen statt.

In den Jahren 1898/99 wurde für die Gemeindemitglieder des Vogtlandes ein Friedhof am Oberjößnitzer Weg in der Nähe des Tannenhofes angelegt, auf dem eine Feierhalle entstand. Neben den Plauener Juden fanden auch Reichenbacher, Oelsnitzer, Klingenthaler und Greizer hier ihre letzte Ruhestätte. Die erste Bestattung war die des Klingenthalers Kaufmanns Hermann Braun im Jahr 1899, die letzte die des Plaueners Isaak (Kurt) Kohn im Jahr 1998, der den Holocaust überlebt hatte und nach Plauen zurückgekehrt war. Die Belegung des Friedhofes umfasst 132 Grabstätten. Die Grabsteine tragen hebräische und deutsche Inschriften und verweisen mit der Angabe von Geburtsorten oft auf die osteuropäische Herkunft, denn nach den grausamen Pogromen in Osteuropa um 1881 und 1905 hatten sich auch orthodoxe Juden in Plauen niedergelassen.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert besaß Plauen 208 jüdische Einwohner, die vorwiegend in der Textilbranche und im Handel arbeiteten. Es entstanden bekannte Unternehmen, wie das Kaufhaus Gottheil, die Spitzenfabrikation der Gebrüder Lay und eine Filiale der Kaufhausgruppe Tietz. Obwohl der jüdische Anteil der Bevölkerung in Plauen nie mehr als ein Prozent betrug, kam es hier bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu antisemitischen Ausschreitungen.

Wirtschaftskriese, 1. Weltkrieg und Denkmalweihe

Mit der die Existenz bedrohenden wirtschaftlichen Krise in der Spitzenindustrie um 1912/13, für die ostjüdische Partiewarenhändler verantwortlich gemacht wurden, kam auch in Plauen in verstärktem Maße judenfeindliche Stimmung auf, die schließlich in den Tagen der Mobilmachung, im August 1914 zu gewalttätigen Handlungen gegen jüdische Geschäfte in der Bahnhofstraße führten und nur mit Polizeigewalt und Militär beendet werden konnten.

In dieser Zeit lebten im Vogtland ca. 1000 Menschen jüdischen Glaubens, davon allein 800 in Plauen. Aus ihren Reihen folgten 76 Männer der Einberufung auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges. Neun kehrten nicht wieder zurück. Im Gedenken an die Gefallenen wurde 1926 von der Israelitischen Religionsgemeinde auf dem jüdischen Friedhof ein Denkmal eingeweiht.

Unter den durch Erwerbslosigkeit bzw. die Kriegsauswirkungen betroffenen Juden lebten in Plauen 112 in Armut. Finanzielle Unterstützung wurde ihnen und ihren Familien durch die Einrichtung einer Armenkasse der Israelitischen Gemeinde zuteil. 1919 gelang es dem Rechtsanwalt Dr. Isidor Goldberg als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei ins Plauener Stadtparlament einzuziehen. Konsequent trat er gegen die sich anbahnende Gefahr des Antisemitismus auf und setzte sich für die demokratischen Rechte seiner Glaubensbrüder ein.

Bau der Synagoge mit Gemeindehaus

In den 1920er Jahren ereigneten sich in Plauen erneut Übergriffe gegen jüdische Einwohner. Trotz Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit beschloss die 836 Mitglieder zählende Israelitische Religionsgemeinde 1929, eine Synagoge mit Gemeindehaus in der Engelstraße/Senefelder Straße zu errichten. Der Entwurf im Bauhausstil entstand durch den Architekten Fritz Landauer aus München, dem es mit der Gestaltung gelang, die konfessionellen, kulturellen und sozialen Bedürfnisse der Gemeinde zu berücksichtigen. Die Weihe fand am 6. April 1930 statt.

Die Synagoge gehörte zu den letzten jüdischen Sakralbauten, die in Deutschland vor der Machtübernahme des Nationalsozialismus erbaut wurden.

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Gemeindehaus mit Synagoge

Antisemitismus, Enteignung, Deportation und Ermordung im Nationalsozialismus

Als die Nationalsozialisten ab 1933 ihr antisemitisches Programm in gesetzlich sanktionierten Terror umzuwandeln begannen, waren die Plauener Juden, teilweise in Illusionen über ihre Lage befangen, noch zu Kompromissen bereit. Im Zusammenhang mit der Boykottkampagne vom 1. April 1933 wurden die jüdischen Geschäftsinhaber Plauens einerseits gezwungen eine Erklärung zu unterschreiben, in der sie sich in den im Ausland verbreiteten "Greuelmärchen über die Verfolgung der deutschen Juden" distanzieren mussten. Andererseits wurden ihre Geschäfte und Unternehmen nach der Erfassung des "jüdischen Eigentums" in den folgenden Jahren der Arisierung zugeführt. Am 7. April 1933 verfügte das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" die Zwangspensionierung der Beamten jüdischer Herkunft, dem die Gesetze zu Entlassungen der im öffentlichen Dienst tätigen jüdischen Arbeiter und Angestellten folgten.

Im Juli gleichen Jahres wurde den osteuropäischen Juden, die vor allem aus Polen und Russland zugewandert waren, per Gesetz die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935, dem "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" und dem "Reichsbürgergesetz" verloren auch die deutschen Juden ihre staatsbürgerlichen Rechte und wurden zu Fremdlingen in ihrer Heimat erklärt. Auch in Plauen kam es zu Verfolgungen wegen "Rassenschande". Der Chef der Sicherheitspolizei Heydrich legte 1937 fest, dass "jüdische Rasseschänder nach Verbüßung ihrer Zuchthaus- oder Gefängnisstrafe in ein Konzentrationslager einzuweisen sind". Ab Sommer 1938 erhielten auch die Plauener Juden eine Kennkarte und mussten den Vornamen Sara bzw. Israel annehmen.

Deportation und Verschleppung

Im Oktober nutzten die Nationalsozialisten eine neue Verordnung zum Passgesetz in Polen, 17 000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit kurzfristig auszuweisen. Mit einem Sondertransport wurden 60 Plauener Juden über Chemnitz an die deutsch-polnische Grenze verschleppt und dort ihrem Schicksal überlassen. Nach dem Attentat des verzweifelten polnischen Juden Herschel Grynspan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris ordnete die Naziführung reichsweite antijüdische Pogrome an. SA-Trupps steckten in Plauen die Synagoge in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 in Brand und demolierten Geschäfte jüdischer Eigentümer. Wenige Stunden später wurden die ersten 45 männlichen Juden aus dem Vogtland nach Buchenwald deportiert.

Die auferlegte Kontribution, der Zwang, die Schäden selbst wieder zu beheben, und die Sperrung und Konfiskation aller Banknoten und Wertpapiere ruinierte auch die noch in Plauen verbliebenen jüdischen Familien. Die Enteignung der jüdischen Mitbürger begann. Die in der Vergangenheit rettende Flucht in die Taufe war versperrt, denn das Gegenteil von "jüdisch" lautete nicht mehr "christlich", sondern "arisch".

Wer noch die Möglichkeit dazu hatte, versuchte zu emigrieren. Ab November 1941 wurde die Auswanderung verboten, die "Endlösung der Judenfrage" begann. Völlig entrechtet, mit dem gelben Stern gekennzeichnet und in sogenannten Judenhäusern (Karlstr. 10 und 41, Karolastr. 80, Pestalozzistr. 67 und Albertstr. 18) zusammengepfercht, sahen 1941 die noch in Plauen lebenden jüdischen Bürger ihrer Deportation entgegen. Sie wurden in die Gettos nach Lodz und Belzyce - Lublin verschleppt und in die Konzentrationslager nach Buchenwald, Sachsenhausen, Auschwitz, Theresienstadt, Treblinka und Sobibor deportiert.

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Gedenkstein für die jüdischen Bürger Plauens

Das Ende der Israelitischen Religionsgemeinde in Plauen

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Grabstein von David Stiefel

1945 kehrten neun Plauener aus Theresienstadt zurück, unter ihnen David Stiefel, der mit den anderen Überlebenden eine neue Gemeinde gründete und bis zu seinem Tod im Jahre 1957 deren Vorsteher war.

Mit seinem Ableben erlosch die Israelitische Religionsgemeinde in Plauen. Der Jüdische Friedhof ging in die Obhut bzw. Pflege der Stadt Plauen über. Die Israelitische Religionsgemeinde Leipzig übernahm die Rechtsträgerschaft. Heute gehört der Friedhof zum Eigentum des Verbandes der jüdischen Gemeinden Sachsen - Thüringen. Die gesamte Anlage mit Feierhalle steht nach den umfassenden Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten der vergangenen Jahre unter Denkmalschutz.

Im Juni 1991 wurde ein Treffen vom Verein ehemaliger Plauener Juden mit Sitz in Israel zusammen mit der Stadtverwaltung in Plauen organisiert. Mahn- und Gedenkstätten im Stadtgebiet erinnern heute an eine religiöse Minderheit der Bevölkerung, die einen wesentlichen Teil der Stadtgeschichte von Plauen mitgeschrieben hat